Persönliche und berufliche Weiterentwicklung für Juristen
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Milchmädchenrechnungen und Wertschätzung im Gerichtssaal

In aufwändiger Sache saß ich mit meinem Mandanten im Gerichtssaal, auch die Richterin war schon da. Auftritt gegnerischer Rechtsanwalt mit seiner Mandantin. Der Kollege ist mit zwei (zwei!) Pilotenkoffern unterwegs und knallt zunächst einmal mehrere dicke Aktenordner vor sich auf den Tisch, ein beeindruckender Wall. Ich selbst habe durchaus auch einiges dabei, denn man hatte ja schon monatelang Papier vollgeschrieben. Gefragt habe ich mich aber trotzdem, womit genau diese Vielzahl von Ordnern vollgeheftet sein könnte.

Der Kollege (warum er?) eröffnet das Gespräch mit einem kurzen Vortrag darüber, was das Gericht in der Sache schon alles falsch gemacht hat. Schwenkt dann über zu den letzten Richterwechseln in der Besetzung themenrelevanter BGH-Senate. Und berichtet schließlich, dass mein bisheriger Vortrag im Wesentlichen aus Milchmädchenrechnungen besteht.

 
Anwälte vor Gericht

Milch ohne Mädchen

Kann man machen. Die Show für den Mandanten nimmt ja manchmal groteske Züge an. Ich habe mich über derartige Auftritte lange innerlich wahnsinnig aufgeregt.

Was für eine Arroganz!

Der man ja allerdings unterschiedlich begegnen kann. Einsteigen zum Beispiel und noch mehr Papier dabei haben, ein wildes Zitieren aller passenden und unpassenden Entscheidungen starten, patzig sein. Oder den Mandanten kurz aufklären, warum man gerade das nicht tut. Und irgendwann fragen, ob man jetzt zum Punkt kommen  könnte.

All das kann einen aber ganz schön stressen, es kostet Energie, es bringt vielleicht manchmal Spaß und sicher oft die streitenden Parteien nicht weiter. Denn die interessieren sich in der Regel nicht dafür, ob in dem für ihre Sache eventuell einmal zuständig werdenden BGH-Senat jetzt jemand sitzt, der möglicherweise nach Jahren weiteren Streits dann dafür sorgt, dass die Entscheidung eine Nuance anders ausfällt als es zuvor der Fall gewesen wäre.

Die Parteien interessieren sich für ihren Fall.

Oft gehen nach solchen Verhandlungen ja alle aufgeladen und sauer ihrer Wege. Was schade ist.

Wertschätzung im Gerichtssaal

Ich habe es erst nach Jahren gelernt, auch diesen Kollegen nicht nur gezwungen höflich, sondern mit echter Wertschätzung zu begegnen. Weil mir aufgegangen ist, dass ich ansonsten genau das bin, was ich an Anderen nicht mag, nämlich ganz schön arrogant. Es lohnt sich oft sehr, aufmerksam abzuwarten und nachzufragen, um eine tolle Idee der Gegenseite nicht zu verpassen. Es kann nämlich richtig gut sein, dass eine dabei ist.

Du weißt nicht, was eine arrogante Kollegin oder einen Kollegen zu einem solchen Rundumschlag veranlasst. Persönlich brauchst du es nicht zu nehmen (mehr dazu hier). Irgendetwas von den Erfahrungen in seinem Leben hat ihn dazu gebracht, sich heute so zu benehmen. Aber wenn du dir Wertschätzung wünscht, kannst du selbst damit anfangen. Und dann beobachte mal, was mit den Anderen passiert. Und ob es sich leichter anfühlt.

Hast du dich schon mal über das Verhalten gegnerischer Anwälte geärgert? Was ist dein Trick, um dabei nicht deine Energie zu verschwenden und dich unnötig zu ärgern? Schreib mir super gern an hallo@inspiredlaw.de oder melde dich bei mir über Instagram @christianeeymers.

Christiane Eymers